LA DAMNATION DE FAUST – Press

Press – Fausts Verdammnis/ LA DAMNATION DE FAUST – Hannover – 16/02/2019

Fausts Verdammnis“ verdammt gut

An der Staatsoper Hannover erlebte das Publikum mit „Fausts Verdammnis“ von Hector Berlioz einen faszinierenden Opernabend.

Shavleg Armasi, Eric Laporte, Monika Walerowicz und der Chor sorgten für ein erstklassiges Kulturerlebnis. Quelle: Jörg Landsberg

Welch ein exquisiter Opernabend an der Staatsoper Hannover mit „Fausts Verdammnis“ von Hector Berlioz. Weder das Orchester, noch die Sänger, noch die Regieteams waren in den letzten Spielzeiten Garanten für erstklassige Kulturerlebnisse an Hannover Opernhaus. Aber dieses Mal stimmte fast alles. Und das schon mindestens das zweite Mal in dieser Spielzeit. So dürfte diese Spielzeit zu einer der erfolgreichsten der letzten 30 Jahre in der Landeshauptstadt werden. Und das mit Stücken wie Offenbachs „König Karotte“ und diesem schwierigen, aber wirkungs- starken Werk von Berlioz, die allesamt keine Selbstläufer sind.

Immer präsent, aber nie zu laut

Aber der Reihe nach: Das für seine schwankende Qualität bekannte hannoversche Orchester spielte an diesem Abend höchst konzentriert und klangsensibel. Dirigent Ivan Repusic begleitete die Solisten und Chöre äußerst klangsinnlich, fein abgetönt und mit einem enormen Sinn für die Notwendigkeiten der Stimmen. So blieb sein Orchester zwar immer präsent, wurde aber nie zu laut. Das war begeisternd.

Ein einziger Genuss

Die Gesangssolisten waren, wie auch die Chöre, bestens drauf. Vor allem passten ihre Stimmen ideal zu ihren Rollen. Das gilt nicht nur für den Mephistopheles des grandios singenden, spielenden und bestens textverständlichen Shavleg Armasi, sondern auch für Monika Walerowicz als in jeder Hinsicht reife und in balsamischem Wohlklang sich artikulierende Marguerite und den Faust des Eric Laporte. Dieser war für diese hoch liegende Partie im Zwischenbereich zwischen lyrisch und heldisch eine annähernd ideale Besetzung. Er hatte Kraft und selbstverständliche Hö- he, lediglich die stimmliche Eleganz und eine ausgeprägtere Stimmcharakteristik fehlte ein wenig. Aber das war nicht wesentlich. Außerdem: Alle Solisten sangen in einem Französisch, das zu hören und verstehen ein einziger Genuss war.

Inszenierung überzeugt

Inszeniert hat die Französin Marie-Eve Signeyrole, die die Solisten wie auch die Chormassen höchst musikalisch führte und dabei trotzdem je- dem Sängerdarsteller spürbar Freiheiten ließ, die wunderbar genutzt wurden. Vor allem inszenierte sie tatsächlich das Stück und nicht, wie John Neumeier kürzlich in der Staatsoper Hamburg bei Glucks „Orpheus und Eurydike, die eigene Biografie. Dabei verdoppelte die Regisseurin in Hannover nicht das Gesungene oder Erklingende, sondern sie agierte zwischen allen Ebenen, indem sie gleichzeitig das Stück und einen Blick von außen auf das Stück in Szene setzte. Das funktionierte bestens. Und nicht einmal die überbordenden Videobilderwelten konnten ablenken von dem, was wichtig war. Während man am zur Zeit generell recht erfolgreichen Hamburger Opernhaus mit der französischen Reformoper Glucks „Orpheus und Eurydike“ in einer eitel-selbstgefälligen Inszenierung von John Neumeier und einer unfassbar langweilig-lustlosen musika- lischen Realisation durch Dirigent Alessandro de Marchi letztens einen Riesenflop landete, ist Hannover nach Offenbachs „König Karotte“ und teilweise auch „Was ihr wollt“ eine weitere geradezu spektakulär gut geratene Produktion dieser Saison gelungen. Da kann man nur empfehlen, sich schnellstmöglich um Karten zu kümmern.

Von Reinald Hanke / Cellesche Zeitung /19. Februar 2019

Opernpremiere „Fausts Verdammnis“ an der Staatsoper Hannover

Die französische Regisseurin Marie-Ève Signeyrole bringt den Faust-Stoff mit Hector Berlioz auf das Börsenparkett – und Ivan Repusic zieht in seiner letzten Premiere als hannoverscher Generalmusikdirektor noch einmal alle Register.


Hoch im Kurs: Faust (Eric Laporte, vorn) im Rausch des Geschäftserfolgs. Quelle: Jörg Landsberg

Hannover
Die Sehnsucht endet nie. Was zählen schon Glaube, Liebe, Hoffnung, wenn selbst Höllensturz und Himmelfahrt sie nicht stillen können? So sitzt am Ende dieser neuen Version von „Fausts Verdammnis“ an der Staatsoper Hannover wieder ein einsamer Mann am Schreibtisch und spricht endlich aus, was den ganzen Abend nur als Anklang zu ahnen war: „Hör’ ich das Liedchen klingen, das einst die Liebste sang, so will mir das Herz zerspringen vor wildem Schmerzensdrang.“

Robert Schumanns melancholische Vertonung der Heinrich-Heine-Verse führt am Schluss von Marie-Ève Signeyroles Inszenierung der Oper von Hector Berlioz wieder zurück zu ihrem Anfang: Das lässt schon ahnen, wie verschlungen die Wege sind, auf dem die alte Faust-Geschichte hier neu auf die Bühne findet. Die französische Regisseurin schmilzt den urdeutschen Mythos erst ein, bevor sie ihn wieder in Form gießt.

Marie-Ève Signeyrole inszeniert „Fausts Verdammnis in Hannover
Das hat vor ihr auch schon ihr Landsmann, der Heine-Zeitgenosse Hector Berlioz, getan: „La damnation de Faust“ ist keine Oper im herkömmlichen Sinne und erst recht keine Vertonung des Goethe-Dramas, auf das sie sich bezieht. Der Komponist hat die eher lose gefügte Szenenfolge „dramatische Legende“ genannt, was ihren Weg ins Repertoire der europäischen Opernhäuser nicht gerade erleichtert hat.

Burn-out an der Börse

Signeyrole spannt die einzelnen Szenen nun unter einen großen tiefenpsychologischen Bogen. Faust ist bei ihr ein Börsenmakler mit Burn-out: Nach der Party auf dem Parkett folgt der große Kater. Heraus hilft ihm dabei Méphistophélès, der ihn – eher dienstbarer Doppelgänger als selbstständiger Teufel – in die Abgründe des eigenen Unterbewusstseins und damit auch zur schönen Marguerite führt. Die Regisseurin schärft nicht etwa die Beziehungen zwischen Faust, Méphistophélès und Marguerite – sie verwischt vielmehr die Grenzen zwischen den Figuren.

Da überrascht es kaum, wenn nicht Marguerite wie im Libretto vorgesehen ihre Mutter vergiftet, sondern Faust eine alte Frau erschießt, die wohl eher seine Mutter ist. Mein und dein spielt hier keine Rolle mehr: Spätestens am Ende, wenn Méphistophélès allein zurückgeblieben Schumann singt, versteht man, dass auch dieser arme Teufel nur ein Alter Ego des Titelhelden ist. Doch ist das Böse noch böse, wenn es im eigenen Inneren wohnt? Und was bleibt in der Selbstliebe von der Liebe? Die Dinge sind kompliziert.

Eine Bühne voller Symbole

Vielleicht strotzt deshalb die von Fabien Teigné elegant gestaltete Bühne mit ihren verschiebbaren Ebenen und Videoprojektionen von Hochhäusern, Herzfrequenzen und Börsenkursen nur so von Symbolen: Es gibt weiße Lilien, tote Raben, einen Faun und schließlich einen ganzen Dschungel, der die vordem so cleanen Büroräume wie Schimmel überwuchert. Das alles jederzeit im Blick zu halten ist als Zuschauer durchaus eine Herausforderung. Himmel und Hölle braucht Signeyrole dafür am Ende nicht mehr zu bemühen: Fausts titelgebende Verdammnis ist hier ein entspannter Vorgang, der eher der Erlösung gleicht, die Marguerite zumindest optisch vorenthalten wird.

Letzte Premiere für Repusic

Aus dem Orchestergraben tönt die Himmelfahrt dafür umso beeindruckender: In seiner letzten Premiere als Generalmusikdirektor in Hannover verwandelt Ivan Repusic den Schluss des Stückes in einen frühen Feuerzauber. Ansonsten legt der Dirigent höchsten Wert auf Zurückhaltung. Er lässt die Musiker des Staatsorchesters, die auch solistisch etwa an Bratsche und Englischhorn glänzen, die reichen Klangfarben der Partitur sehr sorgfältig und kammermusikalisch auf Hochglanz polieren. Die Möglichkeit zur Überwältigung, die immer auch in dieser Musik steckt, spart er sich bis zum Finale auf.

So gibt es viel Raum für die Sänger, den Monika Walerowicz als Marguerite am besten zu nutzen weiß: Berlioz hat ihre vergleichsweise kleine Partie mit zwei wunderbaren Arien allerdings auch fabelhaft ausgeschmückt. Eric Laporte – zuletzt als „Freischütz“-Max in Hannover zu Gast – kann als Faust seinen warm leuchtenden Tenor zumeist schön frei entfalten, Shavleg Armasi tönt als Méphistophélès dagegen manchmal etwas angestrengt. Die heimliche Hauptrolle dieses Musiktheaters hat ohnehin der Chor, den Lorenzo Da Rio sicher einstudiert hat. Trotz der raffinierten Choreografien (von Julie Compans) und der Distanz, die oft zwischen Sängern und Orchester liegt, klappt das heikle Zusammenspiel zumeist sehr gut. Viel Applaus für alle Beteiligten.

Februar sowie am 3., 16., 24. und 31. März. Von Stefan Arndt

Berlioz in Hannover „Fausts Verdammnis“ an der Staatsoper

Hier wird Faust an die Wall Street geschickt. Das geht erstaunlich gut, wie die schöne Regie von Marie-Ève Signeyrole zeigt. Gute Sänger-, Chor- und Orchesterleistungen.


Geld, Geld, Geld: Hier sieht man, dass es einfach Freude macht, wenn die Kurse steigen und den Herzschlag beschleunigen. Mit Eric Laporte als Faust (vorn Mitte). Quelle: Landsberg

Hannover
Wenn die Kurse steigen, darf der Broker auch mal die Sau rauslassen. Paaaaarty auf der Opernbühne. „Fausts Verdammnis“ von Berlioz, hier ist Faust in der Wall Street gelandet. Her mit dem „Chief of Happiness“: In Auerbachs Weinkeller wird so abgefeiert, dass allein das schon den Besuch dieser Inszenierung lohnt.

Die junge französische Regisseurin Marie-Ève Signeyrole hat die „dramatische Legende“, die diese Oper laut Untertitel eigentlich ist, mit Präzision und überlegenen technischen Mitteln sauber in die Gegenwart geholt.

Und das geht so: Faust macht seinen Schotter an der Börse, die Studiertstube ist sein Handelsplatz. Überdruss, Burnout, so sitzt der urdeutsche Denker am Schreibtisch, schiebt Aktien herum und denkt darüber nach, dass ein Kurssprung vielleicht willkommener Anlass für einen Sprung aus dem Fenster ist.

Aber es gibt ja schließlich Drogen. Und diese hier heißt nicht Methamphetamin, sondern Mephisto. Der bringt Abwechslung und reichlich Bewegung in den grauen Börsenalltag.

Den Takt gibt gleich am Anfang der berühmte „Ungarische Marsch“ vor. Bemerkenswert, und das zeigt sich schon hier, ist der Einsatz von wirkungsmächtigen Videos. Im Hintergrund läuft ein kleines Kunstwerk über die erfolgreiche „Faust Company“ mit steigenden Kursen und beschleunigten Herzschlägen, dazu eine ausgefeilte Choreografie (Julie Compans) der tanzenden Broker, von oben aufgenommen und per Überblendung in Draufsicht zu sehen. Super. Schnell sind so die Millionen zusammen und die Feier kann steigen.

Die Videos zeigen ansonsten beeindruckende Drohenfahrten über Hochhäuserschluchten, bedrohliche Himmel. Und alles ist da, was man aus dem „Faust“ kennt, die Folie, die die Regie über die herkömmliche Handlung legt, ist absolut passgenau. Dazu gehört auch die Verdopplung der Hauptfiguren. Faust und Mephisto sind hier gegenseitige Doppelgänger – der Versucher ist dann das dunkle Ich das anderen.

Margarethe liebend und leidend wird als Büromaus auf dem Schreibtisch präsentiert. Und in einer Nebenerzählung gehts zurück bis in Fausts Kindheit mit problematischer Mutterbeziehung und Schülermobbing – bei dieser Regie muss man ein wenig mehr aufpassen.

Der Aufwand ist überhaupt sehr groß mit durchgestylten Requisiten, richtig geforderter Bühnenmaschinerie und einem per mächtig schmauchender Rauchmaschine erzeugtem Wald im geheimnisvollen Nebel. Und am Ende gibt es nicht ganz partiturgerecht ein bisschen gesungene deutsche Romantik, Aber okay, das passt ja zu Faust.

Wie das ganze Ensemble in dieser Dow-Jones-Regie – enorme Spielfreude bist in die Reihen der Komparsen. Herausragend ist dabei Eric Laporte als erstaunlich höhensicherer Faust, der die Verzweiflung wie auch Durchgeknalltheit stimmlich wie darstellerisch gut rüberbringt. Und Shaleg Armasi als Mephisto ist mit seinem samtigen Bariton ein echter Verführer, der auch entsprechend agiert – und mit einem Fingerschnippen den Heilschor dirigiert.

Hellwach steuert Ivan Repušić durch die Partitur, zieht das Tempo an den entsprechenden Stellen an und hält den prachtvollen Chor in Form, der „Ungarische Marsch“ klingt eher nobel denn wild, aber das muss ja kein Fehler sein. Monika Walerowicz ist eine ebenso verführerische wie präzise Margarethe.

Egal ob der Dax steigt oder fällt, dieser „Faust“ ist in dem Fall ein echter Kursgewinn.

Von Henning Queren / Neue Press/18.02.2019

 

LA DAMNATION DE FAUST – Press

Press – Fausts Verdammnis/ LA DAMNATION DE FAUST – Hannover – 16/02/2019

Fausts Verdammnis“ verdammt gut

An der Staatsoper Hannover erlebte das Publikum mit „Fausts Verdammnis“ von Hector Berlioz einen faszinierenden Opernabend.

Shavleg Armasi, Eric Laporte, Monika Walerowicz und der Chor sorgten für ein erstklassiges Kulturerlebnis. Quelle: Jörg Landsberg

Welch ein exquisiter Opernabend an der Staatsoper Hannover mit „Fausts Verdammnis“ von Hector Berlioz. Weder das Orchester, noch die Sänger, noch die Regieteams waren in den letzten Spielzeiten Garanten für erstklassige Kulturerlebnisse an Hannover Opernhaus. Aber dieses Mal stimmte fast alles. Und das schon mindestens das zweite Mal in dieser Spielzeit. So dürfte diese Spielzeit zu einer der erfolgreichsten der letzten 30 Jahre in der Landeshauptstadt werden. Und das mit Stücken wie Offenbachs „König Karotte“ und diesem schwierigen, aber wirkungs- starken Werk von Berlioz, die allesamt keine Selbstläufer sind.

Immer präsent, aber nie zu laut

Aber der Reihe nach: Das für seine schwankende Qualität bekannte hannoversche Orchester spielte an diesem Abend höchst konzentriert und klangsensibel. Dirigent Ivan Repusic begleitete die Solisten und Chöre äußerst klangsinnlich, fein abgetönt und mit einem enormen Sinn für die Notwendigkeiten der Stimmen. So blieb sein Orchester zwar immer präsent, wurde aber nie zu laut. Das war begeisternd.

Ein einziger Genuss

Die Gesangssolisten waren, wie auch die Chöre, bestens drauf. Vor allem passten ihre Stimmen ideal zu ihren Rollen. Das gilt nicht nur für den Mephistopheles des grandios singenden, spielenden und bestens textverständlichen Shavleg Armasi, sondern auch für Monika Walerowicz als in jeder Hinsicht reife und in balsamischem Wohlklang sich artikulierende Marguerite und den Faust des Eric Laporte. Dieser war für diese hoch liegende Partie im Zwischenbereich zwischen lyrisch und heldisch eine annähernd ideale Besetzung. Er hatte Kraft und selbstverständliche Hö- he, lediglich die stimmliche Eleganz und eine ausgeprägtere Stimmcharakteristik fehlte ein wenig. Aber das war nicht wesentlich. Außerdem: Alle Solisten sangen in einem Französisch, das zu hören und verstehen ein einziger Genuss war.

Inszenierung überzeugt

Inszeniert hat die Französin Marie-Eve Signeyrole, die die Solisten wie auch die Chormassen höchst musikalisch führte und dabei trotzdem je- dem Sängerdarsteller spürbar Freiheiten ließ, die wunderbar genutzt wurden. Vor allem inszenierte sie tatsächlich das Stück und nicht, wie John Neumeier kürzlich in der Staatsoper Hamburg bei Glucks „Orpheus und Eurydike, die eigene Biografie. Dabei verdoppelte die Regisseurin in Hannover nicht das Gesungene oder Erklingende, sondern sie agierte zwischen allen Ebenen, indem sie gleichzeitig das Stück und einen Blick von außen auf das Stück in Szene setzte. Das funktionierte bestens. Und nicht einmal die überbordenden Videobilderwelten konnten ablenken von dem, was wichtig war. Während man am zur Zeit generell recht erfolgreichen Hamburger Opernhaus mit der französischen Reformoper Glucks „Orpheus und Eurydike“ in einer eitel-selbstgefälligen Inszenierung von John Neumeier und einer unfassbar langweilig-lustlosen musika- lischen Realisation durch Dirigent Alessandro de Marchi letztens einen Riesenflop landete, ist Hannover nach Offenbachs „König Karotte“ und teilweise auch „Was ihr wollt“ eine weitere geradezu spektakulär gut geratene Produktion dieser Saison gelungen. Da kann man nur empfehlen, sich schnellstmöglich um Karten zu kümmern.

Von Reinald Hanke / Cellesche Zeitung /19. Februar 2019

Opernpremiere „Fausts Verdammnis“ an der Staatsoper Hannover

Die französische Regisseurin Marie-Ève Signeyrole bringt den Faust-Stoff mit Hector Berlioz auf das Börsenparkett – und Ivan Repusic zieht in seiner letzten Premiere als hannoverscher Generalmusikdirektor noch einmal alle Register.


Hoch im Kurs: Faust (Eric Laporte, vorn) im Rausch des Geschäftserfolgs. Quelle: Jörg Landsberg

Hannover
Die Sehnsucht endet nie. Was zählen schon Glaube, Liebe, Hoffnung, wenn selbst Höllensturz und Himmelfahrt sie nicht stillen können? So sitzt am Ende dieser neuen Version von „Fausts Verdammnis“ an der Staatsoper Hannover wieder ein einsamer Mann am Schreibtisch und spricht endlich aus, was den ganzen Abend nur als Anklang zu ahnen war: „Hör’ ich das Liedchen klingen, das einst die Liebste sang, so will mir das Herz zerspringen vor wildem Schmerzensdrang.“

Robert Schumanns melancholische Vertonung der Heinrich-Heine-Verse führt am Schluss von Marie-Ève Signeyroles Inszenierung der Oper von Hector Berlioz wieder zurück zu ihrem Anfang: Das lässt schon ahnen, wie verschlungen die Wege sind, auf dem die alte Faust-Geschichte hier neu auf die Bühne findet. Die französische Regisseurin schmilzt den urdeutschen Mythos erst ein, bevor sie ihn wieder in Form gießt.

Marie-Ève Signeyrole inszeniert „Fausts Verdammnis in Hannover
Das hat vor ihr auch schon ihr Landsmann, der Heine-Zeitgenosse Hector Berlioz, getan: „La damnation de Faust“ ist keine Oper im herkömmlichen Sinne und erst recht keine Vertonung des Goethe-Dramas, auf das sie sich bezieht. Der Komponist hat die eher lose gefügte Szenenfolge „dramatische Legende“ genannt, was ihren Weg ins Repertoire der europäischen Opernhäuser nicht gerade erleichtert hat.

Burn-out an der Börse

Signeyrole spannt die einzelnen Szenen nun unter einen großen tiefenpsychologischen Bogen. Faust ist bei ihr ein Börsenmakler mit Burn-out: Nach der Party auf dem Parkett folgt der große Kater. Heraus hilft ihm dabei Méphistophélès, der ihn – eher dienstbarer Doppelgänger als selbstständiger Teufel – in die Abgründe des eigenen Unterbewusstseins und damit auch zur schönen Marguerite führt. Die Regisseurin schärft nicht etwa die Beziehungen zwischen Faust, Méphistophélès und Marguerite – sie verwischt vielmehr die Grenzen zwischen den Figuren.

Da überrascht es kaum, wenn nicht Marguerite wie im Libretto vorgesehen ihre Mutter vergiftet, sondern Faust eine alte Frau erschießt, die wohl eher seine Mutter ist. Mein und dein spielt hier keine Rolle mehr: Spätestens am Ende, wenn Méphistophélès allein zurückgeblieben Schumann singt, versteht man, dass auch dieser arme Teufel nur ein Alter Ego des Titelhelden ist. Doch ist das Böse noch böse, wenn es im eigenen Inneren wohnt? Und was bleibt in der Selbstliebe von der Liebe? Die Dinge sind kompliziert.

Eine Bühne voller Symbole

Vielleicht strotzt deshalb die von Fabien Teigné elegant gestaltete Bühne mit ihren verschiebbaren Ebenen und Videoprojektionen von Hochhäusern, Herzfrequenzen und Börsenkursen nur so von Symbolen: Es gibt weiße Lilien, tote Raben, einen Faun und schließlich einen ganzen Dschungel, der die vordem so cleanen Büroräume wie Schimmel überwuchert. Das alles jederzeit im Blick zu halten ist als Zuschauer durchaus eine Herausforderung. Himmel und Hölle braucht Signeyrole dafür am Ende nicht mehr zu bemühen: Fausts titelgebende Verdammnis ist hier ein entspannter Vorgang, der eher der Erlösung gleicht, die Marguerite zumindest optisch vorenthalten wird.

Letzte Premiere für Repusic

Aus dem Orchestergraben tönt die Himmelfahrt dafür umso beeindruckender: In seiner letzten Premiere als Generalmusikdirektor in Hannover verwandelt Ivan Repusic den Schluss des Stückes in einen frühen Feuerzauber. Ansonsten legt der Dirigent höchsten Wert auf Zurückhaltung. Er lässt die Musiker des Staatsorchesters, die auch solistisch etwa an Bratsche und Englischhorn glänzen, die reichen Klangfarben der Partitur sehr sorgfältig und kammermusikalisch auf Hochglanz polieren. Die Möglichkeit zur Überwältigung, die immer auch in dieser Musik steckt, spart er sich bis zum Finale auf.

So gibt es viel Raum für die Sänger, den Monika Walerowicz als Marguerite am besten zu nutzen weiß: Berlioz hat ihre vergleichsweise kleine Partie mit zwei wunderbaren Arien allerdings auch fabelhaft ausgeschmückt. Eric Laporte – zuletzt als „Freischütz“-Max in Hannover zu Gast – kann als Faust seinen warm leuchtenden Tenor zumeist schön frei entfalten, Shavleg Armasi tönt als Méphistophélès dagegen manchmal etwas angestrengt. Die heimliche Hauptrolle dieses Musiktheaters hat ohnehin der Chor, den Lorenzo Da Rio sicher einstudiert hat. Trotz der raffinierten Choreografien (von Julie Compans) und der Distanz, die oft zwischen Sängern und Orchester liegt, klappt das heikle Zusammenspiel zumeist sehr gut. Viel Applaus für alle Beteiligten.

Februar sowie am 3., 16., 24. und 31. März. Von Stefan Arndt

Berlioz in Hannover „Fausts Verdammnis“ an der Staatsoper

Hier wird Faust an die Wall Street geschickt. Das geht erstaunlich gut, wie die schöne Regie von Marie-Ève Signeyrole zeigt. Gute Sänger-, Chor- und Orchesterleistungen.


Geld, Geld, Geld: Hier sieht man, dass es einfach Freude macht, wenn die Kurse steigen und den Herzschlag beschleunigen. Mit Eric Laporte als Faust (vorn Mitte). Quelle: Landsberg

Hannover
Wenn die Kurse steigen, darf der Broker auch mal die Sau rauslassen. Paaaaarty auf der Opernbühne. „Fausts Verdammnis“ von Berlioz, hier ist Faust in der Wall Street gelandet. Her mit dem „Chief of Happiness“: In Auerbachs Weinkeller wird so abgefeiert, dass allein das schon den Besuch dieser Inszenierung lohnt.

Die junge französische Regisseurin Marie-Ève Signeyrole hat die „dramatische Legende“, die diese Oper laut Untertitel eigentlich ist, mit Präzision und überlegenen technischen Mitteln sauber in die Gegenwart geholt.

Und das geht so: Faust macht seinen Schotter an der Börse, die Studiertstube ist sein Handelsplatz. Überdruss, Burnout, so sitzt der urdeutsche Denker am Schreibtisch, schiebt Aktien herum und denkt darüber nach, dass ein Kurssprung vielleicht willkommener Anlass für einen Sprung aus dem Fenster ist.

Aber es gibt ja schließlich Drogen. Und diese hier heißt nicht Methamphetamin, sondern Mephisto. Der bringt Abwechslung und reichlich Bewegung in den grauen Börsenalltag.

Den Takt gibt gleich am Anfang der berühmte „Ungarische Marsch“ vor. Bemerkenswert, und das zeigt sich schon hier, ist der Einsatz von wirkungsmächtigen Videos. Im Hintergrund läuft ein kleines Kunstwerk über die erfolgreiche „Faust Company“ mit steigenden Kursen und beschleunigten Herzschlägen, dazu eine ausgefeilte Choreografie (Julie Compans) der tanzenden Broker, von oben aufgenommen und per Überblendung in Draufsicht zu sehen. Super. Schnell sind so die Millionen zusammen und die Feier kann steigen.

Die Videos zeigen ansonsten beeindruckende Drohenfahrten über Hochhäuserschluchten, bedrohliche Himmel. Und alles ist da, was man aus dem „Faust“ kennt, die Folie, die die Regie über die herkömmliche Handlung legt, ist absolut passgenau. Dazu gehört auch die Verdopplung der Hauptfiguren. Faust und Mephisto sind hier gegenseitige Doppelgänger – der Versucher ist dann das dunkle Ich das anderen.

Margarethe liebend und leidend wird als Büromaus auf dem Schreibtisch präsentiert. Und in einer Nebenerzählung gehts zurück bis in Fausts Kindheit mit problematischer Mutterbeziehung und Schülermobbing – bei dieser Regie muss man ein wenig mehr aufpassen.

Der Aufwand ist überhaupt sehr groß mit durchgestylten Requisiten, richtig geforderter Bühnenmaschinerie und einem per mächtig schmauchender Rauchmaschine erzeugtem Wald im geheimnisvollen Nebel. Und am Ende gibt es nicht ganz partiturgerecht ein bisschen gesungene deutsche Romantik, Aber okay, das passt ja zu Faust.

Wie das ganze Ensemble in dieser Dow-Jones-Regie – enorme Spielfreude bist in die Reihen der Komparsen. Herausragend ist dabei Eric Laporte als erstaunlich höhensicherer Faust, der die Verzweiflung wie auch Durchgeknalltheit stimmlich wie darstellerisch gut rüberbringt. Und Shaleg Armasi als Mephisto ist mit seinem samtigen Bariton ein echter Verführer, der auch entsprechend agiert – und mit einem Fingerschnippen den Heilschor dirigiert.

Hellwach steuert Ivan Repušić durch die Partitur, zieht das Tempo an den entsprechenden Stellen an und hält den prachtvollen Chor in Form, der „Ungarische Marsch“ klingt eher nobel denn wild, aber das muss ja kein Fehler sein. Monika Walerowicz ist eine ebenso verführerische wie präzise Margarethe.

Egal ob der Dax steigt oder fällt, dieser „Faust“ ist in dem Fall ein echter Kursgewinn.

Von Henning Queren / Neue Press/18.02.2019